Runter vom hohen Ross

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Predigttexte Matthäus

Predigt und Gebet von Pfarrer Ewald Förschler zum 3. Sonntag nach Epiphanias

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN

Im 2. Buch der Könige wird von einem Mann mit Namen Naaman berichtet. Er war der Oberbefehlshaber der Armee des Königs von Aram. Naaman war erfolgreich, anerkannt und er hatte eine quälende Hautkrankheit. Er suchte Heilung bei dem Propheten Elisa in Israel. Wir hören nun einen Auszug aus dieser Erzählung.
So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst wollte zu mir herauskommen und her treten und den Namen des Herrn, seines Gottes anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so dass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn. Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein.
Unser Herr und Gott! Auch auf uns wartet deine Heilung. Danke!

Liebe Gemeinde,
Naaman also. Wer war er? Er war der Feldherr des Königs von Aram, einem Nachbarland Israels wie das heutige Syrien es noch ist. Naaman war erfolgreich. Er war der zweite Mann im Staat, er hat Aram Siege beschert. Seine Macht als General des Königs wird durch sein Ansehen bei dem König noch herausgehoben. Er ist „groß“, wahrscheinlich im doppelten Sinn gemeint. Eigenschaften des Körpers zeigen im Alten Testament immer auch etwas über die soziale und geistige Welt an. Der große Naaman hat viel Einfluss.
Naaman also. Sein Name bedeutet der „Faire“, der „Angenehme“ und „Großzügige“. Namen sind in der Bibel wichtig, sie kennzeichnen die Persönlichkeit. Wer in Israel den Namen Naaman gehört hat, hat zuerst Positives und Gutes erfahren.
Naaman also, der General des Königs von Aram. Aram war ein Kleinstaat wie Israel auch. Sie waren Nachbarn. Manchmal haben sie gegeneinander gekämpft und manches Mal haben sie sich gegen größere Feinde wie die Assyrer verbündet. Die Aramäer tauchten erst gegen 1000 vor Christus als eigenes Volk auf, zeitgleich zur Gründung des Großreiches Israel durch den ersten Königs Israels David. Wichtige Städte im Staat Aram waren Palmyra und Damaskus. Die Erzählungen der Erzväter Israels wissen um Verbindungen zwischen den Aramäern und den Israeliten und verbinden über die Abstammung und Herkunft Abrahams aus Haran oder Jakobs Frau Rebekka aus Haran die beiden Völker miteinander.
Sogar im Glaubensbekenntnis des Volkes Israel (Dtn 26,1) wird darauf Bezug genommen. Dort heißt es: „Ein umherziehender Aramäer mein Vater.“ Aramäisch bzw. Reichsaramäisch war lange die Verkehrssprache des gesamten Alten Orients. Es blieb auch noch die Umgangssprache in Palästina, als ein einfaches Griechisch zur allgemein verstandenen Sprache wurde. Dieses Aramäisch ermöglichte die Verbindung zu den Juden, die im Ausland wohnten. Aramäisch war auch die Muttersprache Jesu. Auch die beiden israelitischen Propheten Elia und Elisa waren den Aramäern verbunden. So wurde Elia beauftragt, den Aramäerkönig Hasael zu salben (1. Könige 19,15-18). Im Namen des Königs steckt die Endsilbe EL, auf Deutsch Gott. Man findet sie auch in dem Namen Israel. Dies erklärt den ungewöhnlichen Umstand, der Gott Israels habe den Aramäern Siege geschenkt durch Naaman (2Kö 5,1).
Naaman also, erfolgreich und von höchster Stelle anerkannt. Die Hauptperson. Die Hauptperson?  Ich würde viel lieber von Naaman wegschauen und zwei andere Menschen in den Blick nehmen. Zwei Frauen, deren Namen nicht genannt werden, aber ohne die Naaman persönlich und privat, seine Hautkrankheit betreffend, nichts bzw. verloren wäre. Seine Frau und ihre Hausangestellte, eine junge Frau wird sie genannt (2Kö 5,2) Sie war eine Kriegsgefangene aus Israel, eine Beute der Soldaten des Naaman. Sie war von ihnen aus ihrer Heimat Israel nach Aram verschleppt worden. Dies wird ohne nähere Umstände einfach so erzählt. Doch man fragt sich schon: Wie haben die Soldaten sie aufgegriffen? Wurde ihr Dorf niedergebrannt? Was passierte mit ihrer Familie, mit Vater, Mutter, Geschwister? Oder war sie gerade allein und ihre Familie weiß nicht, wo sie geblieben ist? Wurde sie gar vergewaltigt? Wie voller Angst muss sie gewesen sein, als sie von den Soldaten des Naaman verschleppt wurde? Wie viele Tränen hat sie weinen müssen? Musste sie ums Überleben kämpfen? Man weiß, was Frauen im Krieg passiert, damals wie heute. Viele Frauen überleben das nicht. Mit dem Militär ist es zu allen Zeiten das gleiche Drama. Deshalb gelten  eine Sympathie und mein Mitleid dieser jungen in ein fremdes Land verschleppten Frau. Immerhin hat sie es gut getroffen. Sie dient der Frau des Naaman und scheint nicht gezwungen zu sein, Naaman im Bett zu dienen, was früher üblich war. Sie ist eine na arah qatanah. Das ist das gebräuchliche Wort für Dienerin oder junges Mädchen. Es kann aber auch Sklavin bedeuten. Sie ist jung. Das meint nicht nur das Alter. Es ist auch als Gegensatz zu dem großen Naaman zu sehen. Jung bedeutet dann ihre Kleinheit, sie gehörte der untersten sozialen Schicht an. Als Kriegssklavin hatte sie keine Rechte, sondern musste froh sein, im Haushalt des Naaman überleben zu können.
Naaman also, erfolgreich, anerkannt und - hautkrank.  Letzteres plagte und ließ ihn nicht los. Er hatte schon viele Versuche unternommen, sich von dieser Krankheit zu heilen. Aber allesamt scheiterten.
Seine Frau musste dies der jungen Sklavin erzählt oder zumindest musste sie dies mitbekommen haben. Schließlich hat sie sich entschieden, Naaman einen Tipp zu geben: „Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seiner Krankheit befreien!“ (2Kö5,3) Sie hat wohl längere Zeit gebraucht, um diesen Satz zu sagen. Denn er war nicht eigentlich ein Tipp, sondern ein Bekenntnis. Sie riskierte damit viel, denn sie befindet sich im Hoheitsgebiet des Gottes Rimmon, von dem das Wohl des Landes abhängt. Sie behauptet, dass der Gott der Besiegten durch seinen Propheten Naaman heilen würde – im Gegensatz zu den aramäischen Göttern. Sie glaubt damit insgeheim, dass der Gott Israels der eigentliche Sieger ist und auch Retter und Heiler. Das Risiko ihres Bekenntnisses war hoch, weil sie nicht garantieren konnte, dass Naaman geheilt würde.
Was ist das für eine großartige Frau! Verschleppt, als Sklavin lebend, hält sie die Heilungsmöglichkeit für ihren Feind nicht zurück, sondern hilft ihm noch. Sie wird damit zu einem Modell für ein Leben unter Fremdherrschaft. Sie macht, was der Prophet Jeremia den Gefangenen in Babylon empfohlen hat: „Bemüht euch um das Wohl der Stadt. Betet für sie zu Gott, denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.“ (Jer 29,7)
Also doch Naaman. Er musste sich auf den Weg machen. Aber es wurde kein Kriegszug, kein Eroberungsfeldzug. Er würde keinen Feind besiegen und Menschen töten lassen, er würde auch keine Beute machen, keine Dörfer niederbrennen und Menschen zu Sklaven machen. Naaman ist nicht als General unterwegs, sondern als Mensch. Das weiß er aber noch nicht. Oder will es noch nicht wahrhaben. Dass er ein Mensch ist, zeigt seine Hautkrankheit. Manchmal ist der berufliche Aufstieg nach ganz oben mit großen Opfern verbunden.
Naaman gebärdete sich wie ein Feldherr. Er hatte einen Plan im Kopf, wie seine Heilung von statten gehen soll. So geriet er in einen Machtkonflikt mit dem Propheten Elisa. Schon hier begann seine Heilung. Nicht er hatte mehr das Sagen, sondern der Prophet. Naaman wurde entmachtet. Er musste seinen über die Jahre erworbenen Hautpanzer ablegen. Er musste Stück für Stück die Rüstung ablegen, die Panzerfaust, den Stahlhelm, das Maschinengewehr, die Munition, den Dolch, die Stiefel. Er musste absteigen vom hohen Ross.  Denn so heißt es: „Mit Rossen und Wagen war er zu Elisa gekommen und hielt vor seiner Tür.“ (2Kö 5,9) Ein imponierender Auftritt, fast Theaterreif wie so viele protzige Auftritte von hoch gestellten Persönlichkeiten. Imponiergehabe, aber hautkrank. Das passt zusammen! Doch bis er von seinem hohen Ross abstieg, musste Naaman zwei entscheidende Dinge lernen.
Elisa, der Prophet, schickte zu ihm nur seinen Diener. Der sagte ihm, was er zu tun hat. Da könnte man sagen, das sei ein Affront gegen diesen mächtigen Mann. Ich glaube das nicht. Ich glaube, das war der erste Schritt der Heilung. Naaman war die Nähe der Mächtigen gewohnt. Er gab Befehle an Untergeordnete. Und nun begegnete er einer verkehrten Welt. Er bekam einen Befehl von einem Diener. Das akzeptierte er nicht. Naaman bekam einen Wutausbruch. Seine Haut verfärbte sich. Naamans erster Schritt der Heilung: Erkennen und annehmen, dass es nicht immer so läuft, wie ich es mir vorstelle.
Naaman hatte einen Plan gemacht, wie seine Heilung ablaufen sollte: Elisa soll zu mir herauskommen, hertreten, den Namen seines Gottes anrufen, seine Hand zum Heiligtum erheben und mich so von meiner Hautkrankheit befreien. Sozusagen ein Naamanplan zur Selbstheilung. Da gab es nur ein Problem: Er brauchte einen Dummen, der das genauso machte. Nur: Elisa ließ sich nicht für dumm verkaufen, zudem war er immun gegen Bestechung. Elisa war kein Soldat, der machte, was ihm befohlen wurde. Er war nur Gott gehorsam. Und etwas wichtiges, die Haut betreffend, hatte Naaman in seinen Plan eingearbeitet. Er wollte eine sterile Heilung, eine Heilung ohne Berührung. Offenbar hatte Naaman ein großes Problem damit, Nähe und Berührung zuzulassen. Naamans zweiter Schritt der Heilung: Vertrauen lernen in andere, die es gut mit mir meinen und ihnen erlauben, mich zu führen.
„Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan sieben Mal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein.“ (2Kö 14)
Naaman hat damit zu seiner wahren Größe gefunden. Er glich jetzt einem jungen Knaben. Damit erscheint auf Augenhöhe mit dem jungen Mädchen, der Sklavin in seinem Haus. So wird hebräisch na arah qatanah bezeichnet. Naaman bezeichnet sich 5 Mal als na ar qatan. Damit ist er Mensch geworden, geheilt durch die Berührung Gottes. In seinem siebenmaligen Untertaufen wurde seine Haut gereinigt, aber auch alles abgewaschen, was seine Haut verletzt und krank gemacht hat: seine Einsamkeit, seine Gefühllosigkeit, seine Schuld als Befehlsgeber. Naaman hat Frieden gemacht mit sich. Er fühlt sich jetzt wohl in seiner Haut. Wer Frieden mit sich gemacht hat, fängt keinen Krieg mehr mit anderen an. Jetzt konnte Naaman sein, wer er war und was sein Name ausdrückte: fair, angenehm, großzügig.
Deshalb glaube ich, dass Naaman nach seiner Rückkehr nach Aram den Beruf gewechselt oder sich zur Ruhe gesetzt hat.
AMEN

Unser Herr und Gott!
Wir danken dir für dein Wort, das geschriebene und das gesprochene. Wir danken dir deshalb dafür, weil es uns ernstnimmt als Menschen, die sich im Laufe ihres Lebens und Berufslebens an Macht, Erfolg und Einfluss verlieren. Meist sind es auch die Vorstellungen von dem, was man gerne wäre oder geworden wäre, was einen krank macht und am liebsten aus der Haut fahren lässt. Ach wie gut, dass wir da heute die Geschichte des Naaman gehört haben, den Gott nicht gerne sah da oben auf seinem hohen Ross, ihn, den er für etwas anderes entworfen hat als Krieg zu führen. Er wollte, dass Naaman für Fairness zwischen den Menschen eintritt, für einen angenehmen Umgang und  Großzügigkeit unter den Menschen. Das sind Eigenschaften, die Frieden stiften. Kein Wunder also, dass sich Naaman nicht wohl gefühlt hat in seiner Haut und immer wieder Zornesausbrüche sein Leben verbittert haben.
Wir danken dir aber auch, dass wir die junge Frau kennengelernt haben, die großes Unrecht erlebt hat, aber ihr Wissen für den Frieden eingesetzt hat.
Durch all dies hindurch erkennen wir dich in deinem Propheten als einen Gott, der nicht vor Mächtigen kuscht. Der aber in Mächtigen auch Menschen sieht und sie zu ihrem Menschsein führen will und damit zu dem, was du mit ihnen vorhast.
Und wir erkennen, dass dies in deinem Sohn Jesus Christus wirklich wurde. Der alle Macht abgelegt und abgelehnt hat, der klar machte mit seinen Worten und Taten, dass es in deinem Sinn ist, wenn Menschen sich in Augenhöhe begegnen und jede Art Herrschaft ablehnen für einen friedlichen Umgang.
So hilf auch uns, dass wir in uns in unserer eigenen und unserer Gemeindehaut wohlfühlen, weil wir annehmen, dass nicht alles nach unserem Kopf laufen muss, dass es aber gut ist, wenn wir dir und deiner Führung trauen.
Gib uns auch den Blick für die Menschen um uns herum, die krank sind, die sich abschotten oder über andere erheben. Lass sie durch uns erfahren, dass es in deinem Sinn ist, sein Menschsein zu leben, auch mit allen Schwächen und aller Offenheit, die verletzlich macht…